Beim betrieb eines freien Software Projekts, werden Sie nicht täglich über derart schwerwiegende philosophische Themen reden müssen. Kein Programmierer wird darauf bestehen, dass jeder andere im Projekt die gleichen Ansichten vertritt, wie sie selbst (und wer es tut, wird ganz schnell feststellen, dass er sich an keinem Projekt beteiligen kann). Sie sollten sich aber darüber im klaren sein, dass es die Frage nach "frei" kontra "Open Source" gibt, teils um Aussagen zu vermeiden die für manche Teilnehmer feindlich sein könnte, und teils da ein Verständnis über die Motivationen der Entwickler der beste Weg ist—in gewissem Sinne der einzige Weg ist—ein Projekt zu leiten.
Freie Software ist eine Kultur die man sich aussucht. Um darin erfolgreich funktionieren zu können, muss man verstehen warum Leute überhaupt die Wahl treffen, sich daran zu beteiligen. Sie zu zwingen funktionieren nicht. Wenn Leute unglücklich in einem Projekt sind, gehen sie einfach zu einem anderen. Freie Software ist selbst bei Gemeinschaften von Freiwilligen bemerkenswert darin, nur eine geringe Investition zu fordern. Die meisten Beteiligten sind einander noch nie wirklich von Angesicht zu Angesicht begegnet und spenden Häppchenweise ihre Zeit, wann immer ihnen danach ist. Die Faden die Menschen für gewöhnlich verbinden um eine beständige Gruppe zu formen, sind auf einen winzigen Kanal reduziert: das geschriebene Wort, übertragen durch elektrische Leitungen. Aus diesem Grund, kann es lange dauern, bis eine geschlossene, engagierte Gruppe sich bildet. Umgekehrt kann eine Gruppe schon währen den ersten fünf Minuten ihrer Begegnung mit einem potentiellen Freiwilligen, sein Interesse sehr leicht verlieren. Wenn ein Projekt keinen guten ersten Eindruck macht, werden Neulinge es selten eine zweite Chance geben.
Die Vergänglichkeit der Beziehungen, bzw. ihre potenzielle Vergänglichkeit, ist das vielleicht größte Problem, welches ein neues Projekt sich stellen muss. Was soll all diese Menschen dazu bewegen lange genug zusammen zu bleiben um etwas nützliches zu produzieren? Die Antwort auf diese Frage ist komplex genug, um es zum Thema dieses Buchs zu machen, wenn man es aber in einem Satz fassen müsste, wäre es folgender:
Menschen sollten spüren, dass ihre Verbindung zu einem Projekt, und ihr Einfluss darauf, proportional zu ihrer Beteiligung ist.
Kein Entwickler oder potentieller Entwickler sollte sich jemals aus nicht technischen Gründen herabgesetzt oder diskriminiert fühlen. Projekte mit Unterstützung durch Firmen müssen in dieser Hinsicht, ganz klar, besonders vorsichtig sein. Der Abschnitt Kapitel 5, Geld behandelt dieses Thema im Detail. Keine Unterstützung durch eine Firma zu haben bedeutet natürlich nicht, dass man sich um nichts sorgen machen muss. Geld ist nur eines vieler Faktoren, die den Erfolg eines Projekts beeinflussen können, wie die Frage nach der Sprache, der Lizenz, und die Art der Entwicklung die man wählen sollte. Genau welche Infrastruktur man aufbauen sollte, wie man die Gründung des Projekts bekanntgeben sollte und vieles mehr. Wie man den Anfang eines Projekts richtig angeht ist das Thema des nächsten Kapitels.